Diese Pflanze hat 2015 zum Nobelpreis geführt – und kaum jemand kennt sie. Die Rede ist von Artemisia annua, dem Einjährigen Beifuß. Ich bin Curro Cachinero und baue diese Pflanze seit zwölf Jahren an, jedes Jahr aufs Neue und mit meinen eigenen Händen. Inzwischen kenne ich sie ziemlich gut.
Hier sind sieben Dinge über Artemisia annua, die du wahrscheinlich noch nie gehört hast – auch wenn du dich schon für einen alten Hasen hältst.
1. Geheimprojekt 523: Malaria im Dschungelkrieg
1967, Vietnamkrieg. Die Soldaten sterben nicht an Kugeln, sondern an Malaria – und die Erreger sind gegen die gängigen Mittel wie Chloroquin zunehmend resistent. Vietnam bittet China um Hilfe.
Am 23. Mai 1967 startet Mao Zedong daraufhin das geheime „Projekt 523“, benannt nach seinem Gründungsdatum [1][2]. Hunderte Wissenschaftler durchforsten systematisch das Wissen der traditionellen chinesischen Medizin. Das Team um die Pharmakologin Tu Youyou sammelt dabei über 2.000 überlieferte Rezepturen gegen Fieber und Malaria [2]. 1971 werden sie fündig – beim Einjährigen Beifuß.
2. Tschernobyl heißt Beifuß
Was kaum jemand weiß: Die Beifuß-Familie steckt im Namen der bekanntesten Atomkatastrophe. Nicht Artemisia annua, sondern ihre Verwandte Artemisia vulgaris – der Gemeine Beifuß, den du vielleicht aus dem Gewürzregal kennst. Auf Ukrainisch heißt er „čornobyl‘“, wörtlich „schwarzer Stiel“. Die Stadt Tschernobyl trägt denselben Namen [4].
Keine Sorge: Artemisia annua ist nicht radioaktiv. Dafür steckt etwas anderes in ihr – Artemisinin.
3. Artemisinin – das „Dynamit aus dem Beifuß“
So titelte die taz schon 2007 [5]. Der Pharmakologe Thomas Efferth – heute Professor an der Universität Mainz – untersucht seit Anfang der 2000er-Jahre, wie Artemisinin und seine Abkömmlinge wie Artesunat auf Krebszellen wirken. In Zellkulturen zeigte sich: Sie können Krebszellen abtöten, ähnlich wie sie Malaria-Erreger (Plasmodien) zerstören [6][7].
2020 testete das Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam gemeinsam mit der FU Berlin Extrakte aus Artemisia annua gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 – ebenfalls im Labor, an Zellkulturen. Die Extrakte hemmten die Vermehrung des Virus [8][9]. Ob solche Konzentrationen im menschlichen Körper erreicht werden, ist offen; das müssen klinische Studien klären [10].
Was steckt dahinter? Artemisinin enthält eine sogenannte Endoperoxid-Brücke – eine instabile Sauerstoffverbindung. Trifft sie auf Eisen, bricht sie schlagartig auf und setzt aggressive freie Radikale frei. Krebszellen und Malaria-Erreger enthalten besonders viel Eisen und sind deshalb besonders angreifbar [6][7]. Keine Explosion im wörtlichen Sinn, aber eine chemische Sprengladung. Das ist keine Esoterik, das ist Biochemie.
4. Mumien und Hämorrhoiden
Was hat Artemisia annua mit chinesischen Mumien und Hämorrhoiden zu tun? In Mawangdui in China wurde 1973 eine Grabanlage aus der Han-Dynastie geöffnet, versiegelt im Jahr 168 v. Chr. Darin lagen auf Seide geschriebene medizinische Texte, darunter die „Rezepte gegen 52 Krankheiten“ [11][12].
Dort findet sich der älteste bekannte medizinische Beleg für den Einjährigen Beifuß (chinesisch qinghao) – als Mittel gegen Hämorrhoiden [3]. Von Malaria, Corona oder Krebs war damals noch keine Rede.
Dazu eine Geschichte, die mir mein Bekannter Hans-Martin Hirt erzählt hat. Er stellte in Afrika Artemisia-Salbe her. Eines Tages kam ein Mann, der wochenlang auf seinem Kamel durch die Wüste geritten war – mit entsprechenden Beschwerden –, nur um die Salbe „von den Deutschen“ zu bekommen.
Falls du also Skeptiker bist und denkst, Artemisia sei "für den Arsch": Du hast recht. Genau dafür wurde sie schon vor über 2.000 Jahren empfohlen.
Der mythologische Ursprung reicht noch weiter zurück. Das Shennong Bencao Jing, das klassische Kräuterbuch Chinas, wird der Legende nach dem Urkaiser Shennong zugeschrieben, der vor rund 5.000 Jahren gelebt haben soll. Die Originale sind verloren, erhalten sind nur Abschriften von Abschriften – historisch sauber belegen lässt sich das nicht.
Shennong, der „göttliche Landmann“ oder „Flammenkaiser“, gilt zusammen mit dem Gelben Kaiser als mythischer Stammvater der Chinesen – die sich bis heute „Kinder des Flammen- und des Gelben Kaisers“ nennen. Man kann ihn mit Prometheus vergleichen. Der Legende nach hatte er einen durchsichtigen Bauch, probierte unzählige Pflanzen an sich selbst aus und beobachtete ihre Wirkung. Tausende katalogisierte er – bis ihn schließlich eine davon das Leben kostete.
5. Probe 191 und der Nobelpreis
Zurück zum Nobelpreis. Die ersten Beifuß-Extrakte wirkten im Tierversuch nur unzuverlässig. Den entscheidenden Hinweis fand Tu Youyou in einem Text aus dem Jahr 340 n. Chr.: dem „Handbuch der Rezepte für Notfälle“ von Ge Hong. Sinngemäß steht dort: Nimm eine Handvoll qinghao, weiche sie in Wasser ein, presse den Saft aus und trinke ihn [3].
Tu schloss daraus, dass das übliche Auskochen den Wirkstoff zerstört. Sie stellte auf einen Kaltauszug mit einem anderen Lösungsmittel (Äther) um [3]. Mit der legendären Probe Nr. 191 gelang am 4. Oktober 1971 der Durchbruch: ein Extrakt, der im Tierversuch zu 100 Prozent gegen die Malaria-Erreger wirkte [2]. Bis dahin war Tu eine Unbekannte – ohne Doktortitel, ohne Auslandsstudium.
2015 erhielt sie dafür den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin [1]. Wichtig: Ausgezeichnet wurde nicht die ganze Pflanze, sondern die Entdeckung des Wirkstoffs Artemisinin.
Witzigerweise habe ich Artemisia annua schon 2014 angebaut. 2015 begleitete mich Kabel eins mit der Kamera, 2016 wurde die Sendung „Vom Spinner zum Gewinner“ ausgestrahlt. Der Nobelpreis kam mir da natürlich gelegen – vor allem gegenüber denen, die das alles für Quatsch hielten.
6. Hightech-Hefe gegen Feld – und David gegen Goliath
Die Bill & Melinda Gates Foundation steckt seit über 20 Jahren viel Geld in die Malaria-Forschung. Ein Projekt: Forscher um Jay Keasling in Berkeley pflanzten Gene in Hefe ein, damit diese in großen Tanks eine Vorstufe von Artemisinin produziert. 2013 startete der Pharmakonzern Sanofi in Italien die industrielle Produktion dieses „halbsynthetischen“ Artemisinins [13].
Es funktionierte – wirtschaftlich aber nicht. Das Artemisinin vom Feld war günstiger [14]. 2015 produzierte Sanofi kein halbsynthetisches Artemisinin mehr und verkaufte das Werk, obwohl die Gates-Stiftung rund 64 Millionen US-Dollar in die Technik investiert hatte [15]. Die Pflanze auf dem Acker hat gegen die Hightech-Hefe gewonnen.
7. 10.000 Studien und +4500 Patente
Und jetzt das Merkwürdige: Zum isolierten Wirkstoff Artemisinin gibt es Tausende Studien und Tausende Patente. Zur ganzen Pflanze am Menschen dagegen kaum welche – nur vier Studien mit insgesamt 187 Teilnehmenden. Isolierte Wirkstoffe kann man patentieren, Pflanzen nicht.
Befürworter der ganzen Pflanze berichten aus der Praxis von sehr hohen Heilungsraten (95%) bei Malaria. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt dagegen ausschließlich Artemisinin-Kombinationspräparate und rät von Pflanzenmaterial ab – unter anderem wegen schwankender Dosierung und der Gefahr von Resistenzen. Studien, die für die Pflanze sprechen, gelten ihr als methodisch nicht ausreichend. Initiativen, die Artemisia in Afrika auf Dorfebene anbauen, über 1000 Projekte in über 75 Ländern, bekamen Beschlagnahmungen und Gerichtsverfahren. Das alte Thema - "David gegen Goliath".
Und ich?
Ich lasse mich von dem ganzen politischen Getue nicht beeindrucken und baue die Pflanze einfach weiter an. Die hier bildet bald Samen – ich habe sie von der letzten Ernte stehen lassen. Und genau wie diese Pflanze solltest auch du blühen.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Die genannten Laborergebnisse (Zellkulturen) lassen sich nicht auf die Behandlung von Menschen übertragen.
Quellen
- Nobel Assembly am Karolinska Institutet: Pressemitteilung zum Nobelpreis für Physiologie oder Medizin 2015, 5. Oktober 2015. nobelprize.org
- Tu, Youyou (2011): The discovery of artemisinin (qinghaosu) and gifts from Chinese medicine. Nature Medicine 17, S. 1217–1220. PDF
- Lasker Foundation: Lasker-DeBakey Clinical Medical Research Award 2011 – Artemisinin therapy for malaria. laskerfoundation.org
- Wikipedia: Chernobyl – Name. en.wikipedia.org
- Sonnenburg, Gisela: Krebsbekämpfung: Dynamit aus dem Beifuß. taz, 20. Juli 2007. taz.de
- Efferth, Thomas u. a. (2004): Enhancement of cytotoxicity of artemisinins toward cancer cells by ferrous iron. Free Radical Biology and Medicine 37(7), S. 998–1009. DOI: 10.1016/j.freeradbiomed.2004.06.023
- Efferth, Thomas (2006): Molecular pharmacology and pharmacogenomics of artemisinin and its derivatives in cancer cells. Current Drug Targets 7(4), S. 407–421. DOI: 10.2174/138945006776359412
- Max-Planck-Gesellschaft: Artemisia annua in Labortests gegen das Coronavirus, 14. April 2020. mpg.de
- Freie Universität Berlin: Extracts of the plant A. annua are active against SARS-CoV-2, Pressemitteilung Nr. 107/2020, 24. Juni 2020. fu-berlin.de
- Nie, Chuanxiong u. a. (2021): In vitro efficacy of Artemisia extracts against SARS-CoV-2. Viruses.
- Harper, Donald J. (1998): Early Chinese Medical Literature: The Mawangdui Medical Manuscripts. London: Kegan Paul International.
- Wikipedia: Wushi'er Bingfang (Rezepte gegen 52 Krankheiten). en.wikipedia.org
- PharmTech: Sanofi and PATH Launch Semisynthetic Artemisinin Production, 17. April 2013. pharmtech.com
- ETC Group (2014): Artemisinin & Synthetic Biology – A Case Study.
- Peplow, Mark (2016): Synthetic biology's first malaria drug meets market resistance. Nature 530, S. 389–390.
