Wie entsteht Gesundheit? - Sieben Antworten

Wie entsteht Gesundheit? - Sieben Antworten

Die herkömmliche Medizin (Pathogenese) fragt meist: Wie entsteht Krankheit? Die Salutogenese dreht die Frage um: Wie entsteht Gesundheit? Hier sind sieben Denker, die mich bei dieser Frage am meisten inspiriert haben.

Aaron Antonovsky: Gesundheit ist ein Spektrum

In den 1970er Jahren untersuchte Antonovsky Überlebende des Holocaust. Er fand etwas Überraschendes: 29 Prozent der Menschen, die schwerste Traumata und extreme Belastungen erlebt hatten, waren bei strahlender Gesundheit.

Daraus entwickelte er das Modell der Salutogenese. Gesundheit heißt für ihn nicht "krank oder gesund" und auch nicht, wie die WHO es definiert, die Abwesenheit von Symptomen. Gesundheit ist ein Spektrum zwischen eher gesund und eher krank. Wo wir uns darauf gerade befinden, hängt davon ab, wie viele Stressoren auf uns wirken und wie viele Widerstandsressourcen wir dagegen haben.

Die wichtigste Ressource ist der Kohärenzsinn (Sense of Coherence). Er besteht aus drei Teilen, die man als Kopf, Herz und Hand verstehen kann:

  • Verstehbarkeit (Kopf): Ich verstehe, was mit mir geschieht.
  • Sinnhaftigkeit (Herz): Mein Leben hat eine Bedeutung.
  • Handhabbarkeit (Hand): Ich kann etwas tun.

Je stärker der Kohärenzsinn, desto besser gehen wir mit Belastungen um, und desto eher können wir auch in schweren Zeiten aufblühen.

Ivan Illich: Die Entmündigung durch die Medizin

Ivan Illich, österreichisch-amerikanischer katholischer Priester, schrieb Die Nemesis der Medizin. Nemesis ist das Bild für die Strafe, die auf Selbstüberschätzung folgt. Sein Buch löste damals große Aufregung aus.

Seine überspitzte These: Abgesehen von Geburtshilfe und Akutmedizin richtet die moderne Medizin mehr Schaden an, als sie nützt. Nicht nur durch Behandlungsfehler, sondern weil sie Menschen systematisch entmündigt. Über Jahrtausende gehörte es zu unseren kulturellen Fähigkeiten, mit Trauer, Schmerz, Verlust, Tod und Verwandlung umzugehen. Heute haben wir das verlernt und Experten an diese Stelle gesetzt.

So wie der Schulbesuch das eigentliche Lernen verhindern kann, kann die Institution Medizin die Gesundheit verhindern. Frei nach Kant: Habe den Mut, dich deiner eigenen Gesundheit zu bedienen.

Abraham Maslow: Mehr als Selbstverwirklichung

Maslow fragte nicht nur, wie psychische Probleme entstehen, sondern wie Wohlbefinden und Höchstleistung entstehen. Wie kommen Flow-Zustände und erweiterte Bewusstseinszustände zustande? Wie ticken Menschen, die viel auf die Reihe bekommen und dabei glücklich sind?

Bekannt ist er für seine Bedürfnispyramide: körperliche, psychische, soziale und spirituelle Bedürfnisse, ganz oben die Selbstverwirklichung. Weniger bekannt ist, dass er in seinem Spätwerk weit darüber hinausging, hin zu Gipfelerfahrungen und Selbsttranszendenz.

Das ist der entscheidende Punkt. Selbstverwirklichung können auch Donald Trump und Wladimir Putin, daran fehlt es heute nicht. Selbsttranszendenz heißt: Mein Handeln geht über mich selbst hinaus, und mein Leben bekommt eine Bedeutung, die größer ist als ich.

Martin Seligman: Selbstwirksamkeit kann man lernen

Seligman beobachtete bei Hunden, die immer wieder elektrische Schläge bekamen, die erlernte Hilflosigkeit: Sie wurden passiv und taten irgendwann gar nichts mehr. Dasselbe zeigt sich beim Menschen.

Dann drehte er die Frage um: Kann man auch Selbstwirksamkeit lernen? Sie ist einer der wichtigsten Faktoren für ein gelingendes Leben und für den Kohärenzsinn, also dafür, dass das eigene Leben einen Sinn hat. Wie Antonovsky untersucht er die Bedingungen des gelingenden Lebens, des Erblühens, nur noch ausführlicher.

Nassim Nicholas Taleb: Antifragilität

Taleb wurde reich, als die Börse crashte, weil er auf den "schwarzen Schwan" gesetzt hatte. Für die Salutogenese ist er wegen seines Prinzips der Antifragilität interessant. Er unterscheidet drei Dinge:

  • Robust ist der Phönix aus der Asche: Er übersteht Krisen.
  • Fragil ist das Damoklesschwert: Wenn es zerbricht, ist es kaputt.
  • Antifragil ist, was sich von Stress ernährt und durch ihn stärker wird: Die Hydra.

Salutogenese heißt nicht, sich zu schonen und alles zu vermeiden. Es geht darum, sich in der richtigen Dosis zu belasten, denn die Dosis macht das Gift. Gemeint ist eher das Kleine als das Extreme. Römische Kaiser vergifteten sich früher in kleinen Mengen selbst mit Arsen, um gegen Giftanschläge resistent zu sein. Wachstum, Gesundheit und Training beruhen immer auf dem schwachen Reiz: Starke Reize schwächen, schwache Reize stärken.

Friedrich Schiller: Der spielende Mensch

Für mich ist Schiller der erste salutogenetische Denker, den ich finden konnte. Er lebte vor über 200 Jahren und war Arzt und Dichter. Seine Gedichte haben mich nie so mitgerissen, seine Gedanken Über die ästhetische Erziehung des Menschen dagegen sehr.

Er beschreibt den Menschen weder als reines Verstandeswesen noch als Getriebenen von Gier und Trieb. Der Mensch findet immer wieder die Waage, stellt immer wieder Kohärenz her, und er ist im Kern ein Künstler. Der freie Mensch ist der spielende Mensch. Und damit auch der gesundende: Nur der spielende Mensch ist der gesundende Mensch.

Antonio Damasio: Der Körper denkt mit

Damasio gehört zu den wichtigsten Neurowissenschaftlern unserer Zeit. Bekannt wurde er durch Descartes' Irrtum. Descartes' "Ich denke, also bin ich" trennte Seele und Körper, und unbewusst denken wir bis heute in diesem Dualismus. Damasio überwindet ihn und betont die Bedeutung der Interozeption, der Wahrnehmung des eigenen Körpers.

In seinem jüngsten Buch über künstliche und natürliche Intelligenz zeigt er: Eine KI hat keinen Hunger und keinen Durst und muss keine Homöostase aufrechterhalten. Sie lebt nicht in Verbundenheit mit dem Leben, sondern ist ein abgeschnittener Intellekt, der nur die Vergangenheit reproduzieren kann.

Diese körperliche, natürliche Intelligenz ist für die Salutogenese wesentlich. Wenn wir KI zunehmend als Lebensberater oder Psychologen benutzen, laufen wir Gefahr, die Verbindung mit dem Leben zu verlieren. Alles klingt dann logisch für den Verstand, hat aber mit Evolution und Gesundheit nichts mehr zu tun.

Was alle sieben verbindet

Gesundheit ist kein Zustand, den uns Experten verschaffen. Sie entsteht aus Sinn, Selbstwirksamkeit, der richtigen Dosis Herausforderung, Spiel und einem Körper, dem wir zuhören. Oder, wie man in Anlehnung an Illich und Kant sagen könnte: "Habe den Mut, dich deiner eigenen Gesundheit zu bedienen".

 

Mehr über Salutogenese


Quellen

  • Aaron Antonovsky: Unraveling the Mystery of Health. How People Manage Stress and Stay Well (1987); deutsch: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit (1997)
  • Ivan Illich: Medical Nemesis (1975); deutsch: Die Enteignung der Gesundheit, später Die Nemesis der Medizin
  • Abraham Maslow: Toward a Psychology of Being (1962) und The Farther Reaches of Human Nature (1971)
  • Martin Seligman und Steven Maier: Failure to Escape Traumatic Shock, Journal of Experimental Psychology (1967); Seligman: Helplessness (1975) und Learned Optimism (1990)
  • Nassim Nicholas Taleb: Antifragile. Things That Gain from Disorder (2012)
  • Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen (1795)
  • Antonio Damasio: Descartes' Error. Emotion, Reason, and the Human Brain (1994); deutsch: Descartes' Irrtum; neu: Natural Intelligence and the Logic of Consciousness (2026)

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