Was ist Gesundheit? – Aus dem Blickwinkel der Salutogenese gibt es nicht entweder Krankheit oder Gesundheit. Sondern, Krankheit und Gesundheit sind zwei Enden eines Spektrums. Das ist das Gesundheits-Krankheits-Kontinuum. Was unterscheidet einen gesunderen Zustand von einem ungesunderen Zustand?
Die Salutogenese-Forschung spricht hier von Kohärenz. Kohärenz, das bedeutet, alles fließt zusammen in die gleiche Richtung. Alles ist lebendig miteinander verbunden, lebendig geordnet. Es ist dynamisch und kraftvoll und gleichzeitig strukturiert.
Es ist nicht mechanisch, das wäre inkohärent. Es ist auch nicht chaotisch, das wäre auch inkohärent. Es ist eine lebendige pulsierende Ordnung, genauso wie unser Herz, wenn es gesund ist, mal schneller schlägt, mal langsamer schlägt, wie eine Art Tanz.
Wir haben ein Organ für Kohärenz. Die Salutogenese-Forschung spricht hier von Kohärenz-Gefühl, liest man oft, aber es handelt sich tatsächlich nicht um ein Gefühl, sondern um ein Sinnesorgan, um ein Kohärenz-Sinn. Wir haben ein Sinnesorgan für Kohärenz.
Und mit diesem Sinnesorgan für Kohärenz, das wir auch nochmal im Einzelnen anschauen werden später, können wir uns selber verorten auf diesem Kontinuum von Krankheit und Gesundheit und können uns auch orientieren und ganz genau spüren, ob wir uns gerade in Richtung Kohärenz oder in Richtung Inkohärenz bewegen.
Dieser Kohärenz-Sinn oder Lebenssinn ist bei uns verschüttet, den haben wir abtrainiert bekommen durch unsere Erziehung, durch die Entfremdung von unserem Körper, von unseren Gefühlen. Aber diesen Sinn, den können wir wiedergewinnen. Dazu später mehr.
Das Salutogenese-Modell beschreibt Krankheit und Gesundheit als zwei Enden eines Kontinuums, wo es ganz viele Zwischenschritte gibt. Es spricht von einem Sinn für Kohärenz, den wir schulen können. Und es spricht von Widerstandsressourcen. Das, was wir brauchen, um uns in Richtung Kohärenz zu bewegen.
Salutogenese ist nicht nur ein Modell, also eine Theorie über die Gesundheit, sondern sie ist eine Fähigkeit. Die Fähigkeit, immer wieder neu anzufangen, immer wieder neu, Ressourcen zu entdecken, zu aktivieren, zu pflegen und mit diesen Ressourcen die Anforderungen des Lebens, die Stressoren, die Erreger, die ständig auf uns einströmen, einzubinden in unser Leben.
Die Widerstandsressourcen können unterschiedlicher Natur sein. Es könnten physische Ressourcen sein. Meinetwegen ein Dach über dem Kopf ist schon eine Ressource, eine große Ressource. Ein gutes Werkzeug könnte eine physische Ressource sein oder auch Geld. Es gibt auch seelische Ressourcen, wie Optimismus, wie Begeisterungsfähigkeit, wie Vertrauen ins Dasein.
Alles Fähigkeiten, die sich systematisch trainieren lassen. Wie die Arbeit von Martin Seligmann zeigt, der hat ein Buch geschrieben, das heißt Erlernter Optimismus. Pessimismus ist für viele Menschen der Normalzustand. Das hat biologische Gründe, die mit unserem Überlebenssystem zu tun haben. Und Optimismus kann man eben lernen. Also das wäre eine Ressource.
Dann gibt es auch spirituelle Ressourcen, zum Beispiel einen unerschütterlichen Glauben oder ein Vertrauen in einen tieferen Sinn des Daseins oder eine lebendige Beziehung zu einer Quelle, die größer ist als ich selbst. Und es gibt soziale Ressourcen. Also die soziale Vernetztheit, das ist sogar die stärkste Widerstandsressource, laut Antonowsky.
Das waren jetzt nur Beispiele für unterschiedliche Ressourcen, auf die wir zugreifen können. Und wo ich dich einlade, selber mal bei dir zu schauen, was sind eigentlich deine Ressourcen und nutzt du eigentlich schon all deine Ressourcen? Weil deine Ressourcen, deine Widerstandsressourcen sind genau das, was dir hilft, dich auf dem Spektrum von Inkohärenz und Kohärenz oder von Krankheit und Gesundheit in Richtung Kohärenz zu bewegen.
Jetzt schauen wir uns den Kohärenz-Sinn nochmal genauer an. Ich habe ja gesagt, das ist ein Sinnesorgan. Antonowsky spricht nicht davon wie von einem Sinnesorgan, aber ich spreche davon wie von einem Sinnesorgan, weil ich der Meinung bin, dass das tatsächlich so ist. Wenn wir etwas tun, dann spüren wir im Tun, ob das, was wir tun, stimmt.
Natürlich ist das nicht immer so einfach zu unterscheiden, weil dann haben wir ein Verlangen und dann folgen wir einer Regel und dann sind wir verwirrt und so, aber ganz tief in uns gibt es einen ästhetischen Sinn für das Leben und für das, was stimmt. Dieser Kohärenz-Sinn, wie Antonowsky ihn beschreibt, hat drei Elemente. Das ist die Verstehbarkeit, die Handhabbarkeit und die Sinnhaftigkeit.
Wenn das, was um uns herum passiert, nicht verstehbar ist, dann ist der Kohärenz-Sinn gestört und dann müssen wir daran arbeiten, das zu verstehen, dass wir es einfach begreifen. Das Unbegreifliche ist das, was uns auch sprachlos macht und in dem Moment, wo wir es anfangen, in Worte fassen zu können, es zu verstehen, es einordnen zu können, steigt schon unsere Kohärenz, weil wir uns wieder auskennen, weil wir uns wieder orientieren können.
Das heißt nicht, dass unser Optimalzustand darin besteht, dass wir uns immer auskennen, im Gegenteil. Wir müssen ja unseren Bereich des Lebens ständig ausweiten und uns im besten Fall sogar freiwillig in neues Territorium begeben, wo wir uns erst mal noch nicht auskennen und dann durch Lernen und Wachsen, durch noch mehr Kohärenz, dadurch auch unseren Spielraum erweitern und den Bereich unseres Lebens.
Es geht nicht nur darum, immer kohärent zu sein, sondern es geht darum, immer wieder in die Kohärenz zurückzufinden. Training zum Beispiel ist ja sogar, dass man aktiv in die Inkohärenz geht, um dann noch kohärenter wieder daraus hervorzugehen, das wäre Hormesis. Wenn ich meine Muskeln trainiere, dann werden die erst mal beschädigt und dann regenerieren die sich wieder und dann sind die stärker als vorher.
Das ist nicht zu einfach zu denken. Es geht nicht nur um Kohärenz, sondern es geht um das lebendige Erweitern des Bereichs, in dem wir Erfahrung sammeln können. Dieser Verstehbarkeitsbereich hat mehr mit dem Kopf zu tun und mit unserem Denken. Der zweite Bereich ist die Handhabbarkeit und die hat vor allen Dingen was mit unserer Autonomie und unserem Willen zu tun. Wenn wir keine Handlungsmöglichkeiten haben, dann sinkt unsere Kohärenz.
Auch hier besteht die Kunst der Salutogenese wieder darin, selbst in der scheinbar festgefahrensten Situation, immer wieder Handlungsmöglichkeiten zu finden. Also, einer sitzt im Gefängnis und anstatt zu verzweifeln, schreibt er ein Buch. Und wenn er rauskommt, wird er berühmt. Oder so etwas. Es sind manchmal kleine Dinge, auf die man vielleicht nicht kommt, wenn man sich in so einem roboterhaften Automatismus durchs Leben bewegt, wie wir es ja oft tun, wenn wir es uns eingestehen.
Wenn das gelingt, wenn die Verstehbarkeit immer wieder hergestellt werden kann, wenn die Handhabbarkeit immer wieder hergestellt werden kann – das ist auch ein Riesenthema, über das man noch mal sprechen könnte, über die erlernte Hilflosigkeit und die erlernte Selbstwirksamkeit, die dem entgegensteht – dann stellt sich Sinn ein. Dann ist das die Sinnhaftigkeit. Und diese Sinnhaftigkeit herzustellen, ist essentiell, weil die unser Herz betrifft.
Man spricht ja von Kopf, Herz und Hand. Kopf ist Verstehbarkeit, Hand ist Handhabbarkeit, Handhabbarkeit steckt ja schon im Wort drin. Und Sinnhaftigkeit ist unser Herz. Und wenn dieser Sinn wegbricht, dann ist das der Moment, wo die Menschen innerlich sterben oder in die tiefe Depression versinken. Und erst wenn dieser Sinn wieder auftaucht, das Licht am Ende des Tunnels, dann fängt das Leben auch wieder an, Freude zu machen.
Ein super Beispiel für diese sinnstiftende Fähigkeit ist Anne Frank. Das ist ein Beispiel, wo ich mich kurz mit beschäftigt habe, weil ich mich gefragt habe, was kann eigentlich Schreiben? Und Anne Frank hat ja ein Tagebuch geschrieben mit der Intention, Schriftstellerin zu werden. Sie starb im Konzentrationslager, aber ihr Buch überlebte. Und dieses Schreiben, das gab ihrem Leben Sinn. Sie konnte sich eine Zukunft vorstellen und aus dieser Zukunft konnte sie Kraft in der Gegenwart schöpfen.
Auch Viktor Frankl hat das gemacht. Das war auch ein sehr berühmter Psychologe, der eben die Logotherapie später entwickelt hat, der in vier Konzentrationslagern war und der zwei Dinge genannt hat später, die ihn durchgebracht haben. Das war einmal seine Frau, die zu dem Zeitpunkt schon tot war, die aber sehr innig bei sich gefühlt hat in seinem Herz und immer das Gefühl hatte, dieser Blick seiner Frau ruht auf ihm.
Und das Zweite war, dass er sich vorgestellt hat, wie er nach dem Krieg jungen Psychologiestudenten Vorträge hält, darüber, wie man eigentlich das Konzentrationslager überleben kann. Und dadurch konnte er eine andere Perspektive einnehmen und konnte sich wieder einen Sinn stiften, der ihn durch dieses Leiden hindurchgetragen hat.
Frankl beschreibt eben auch, wie dort KZ-Häftlinge waren. Man konnte sehen, wenn die ihr Essen gegen Zigaretten eintauschen, das war so ein innerer Tod. Drei, vier Tage bevor die dann verhungerten und starben, konnte man schon an ihren Augen sehen, dass ihre Hoffnung erloschen ist, dass der Sinn nicht mehr da war. Und Viktor Frankl hat seine ganze Psychotherapie dann auf diesem Stiften von Sinnen aufgebaut. Wo er sagt, das ist vor allen Dingen die Arbeit, also das, was wir für die Welt tun und die Beziehung, die wir führen. Aber das wäre wieder ein anderes Thema. Ich wollte heute eigentlich nur mal einen Einstieg machen in das Thema Salutogenese.
Was du dir merken kannst, ist, es gibt ein Kontinuum von Gesundheit und Krankheit, was viele Zwischenschritte hat. Es gibt Widerstandsressourcen, die uns dabei helfen, uns in Richtung Kohärenz zu bewegen. Und es gibt eben diesen Kohärenz-Sinn, der ein Sinnesorgan ist, das wir schulen können, auch wenn das verschüttet liegt meistens.
Und dieser Kohärenz-Sinn wiederum selber hat wie so eine Art Dreigliederung von Denken, Fühlen und Wollen oder von Verstehbarkeit, Handhabbarkeit, Sinnhaftigkeit. Und wenn die ineinandergreifen und sinnstiftend tätig sind, dann sind wir auf dem Weg der Salutogenese, ganz unabhängig von unseren äußeren Umständen. Ganz egal, ob wir wenig oder viel Geld haben, ob wir im Gefängnis sitzen oder unter der Palme in der Hängematte hängen, ob wir Single sind, ob wir in einer glücklichen Beziehung sind.
Die äußeren Dinge spielen dann immer weniger eine Rolle. Sogar unsere physische Gesundheit kann dann nachgeordnet sein. Weil unabhängig von unserer physischen Gesundheit können wir auch eine geistig-seelische Gesundheit entwickeln. Und langfristig ist eine seelisch-geistige Gesundheit oft korreliert mit einer stabilen physischen Gesundheit. Vor allen Dingen, wenn es um chronischen Prozesse geht. Um Alterungsprozesse, nicht um akute Verletzungen.
Die Quellen der Gesundheit in uns finden, die Ressourcen pflegen und achten und entdecken. Das könnte eine spannende Aufgabe sein, auf diesem Weg zu dieser individuellen Gesundheit. Weil das, was wir gelernt haben und was uns alle Welt erzählt, ist ja die Pathogenese. Also der Arzt hat jetzt gesagt, du hast Diagnose XYZ. Und jetzt identifizierst du dich mit der Diagnose XYZ. Und dann wird das eine selbsterfüllende Prophezeiung.
1% der Menschheit sind Psychopathen. So und so viel Prozent der Menschheit leiden an Depressionen. So und so viel Prozent der Menschheit leiden an chronischen Rückenschmerzen. So und so viel Prozent der Menschheit leiden an Angsterkrankungen. So und so viel Prozent leiden an, was weiß ich, ist ja auch egal. Das heißt, man ist immer in einer Art gattungsartigen Kategorie. Also es gibt so und so viele Pferde. Und es gibt so und so viele Schafe ec.
Also man ist jetzt plötzlich so ein Teil von so einer Gruppe. Und was die Pathogenese betrifft, stimmt das auch. Wir sind halt Menschen. Und wir tendieren halt jeder in eine andere Richtung in unserer Pathologie. Der eine neigt vielleicht mehr zu dem, der andere mehr zu jenem. Aber er ist überhaupt nichts individuelles darin. Das ist genetisch, das ist epigenetisch, das ist gesellschaftlich geprägt.
Aber in der Salutogenese, also in der Gesundung, sind wir individuell. Weil wie dieser einzelne Mensch jetzt seinen Krebs überwindet, wenn er ihn überwindet. Oder wie dieser einzelne Mensch jetzt rauskommt aus dieser Dauererschöpfung. Oder was es auch sei. Oder schwierigen Lebenssituationen. Dieses Wie, das ist individuell. Dafür gibt es kein Vorbild.
Das ist ein ganz eigener Weg. Und da kann das Salutogenese-Modell wie eine Art Kompass sein, wie eine Art Referenzpunkt. Aber der Weg herauszufinden, was denn bei mir genau funktioniert. Und wer genau für mich den nächsten Schritt, mir dabei helfen kann. Und wo ich dazu neige, mich selbst zu sabotieren. Und wie ich damit umgehe und es dann doch wieder richtig mache. Und wie ich jetzt genau kreativ das löse. Und meinem eigenen Ruf besser folge. Also meine Kohärenz wiederherstelle und dadurch auch meiner Berufung näher komme. Oder meinem Wesen. Dem, was mich einzigartig macht, das ist individuell, das kann nur ich tun.
Ich behaupte, wenn wir dem, was uns einzigartig macht, was uns ununterscheidbar macht – es kommt auf MICH an – das, was nur wir tun können, je näher wir dem kommen, umso näher kommen wir auch der Kohärenz. Und je weiter wir davon weg sind, weil wir irgendwelchen Vorstellungen entsprechen wollen. Oder irgendwelchen Erwartungen. Oder irgendwelchen eingepflanzten Glaubenssätzen folgen, die gar nicht unsere sind. Umso weiter sind wir davon weg.
Salutogenese ist also gleichbedeutend mit Individuation, mit Selbstwerdung. Das ist ein Begriff, der von Carl Gustav Jung stammt. Er sagt, der Mensch in seiner Entwicklung wird immer mehr er selbst. Er nähert sich immer mehr dem an, was der Mensch sein könnte. Insofern entwickelt er sich auch heraus aus dem Tierartigen. Und aus dem Kindischen. Und aus allem rückgewandten Daseinsformen. In die wir ja heute immer wieder auch eingeladen werden. Uns in irgendwelchen Gruppenverbänden zu sammeln, in so einer Art Tribalismus. Wir sind die Guten und das sind die Bösen. Oder uns kindisch zu verhalten, der andere soll es für mich machen. Der ist schuld.
Das merken wir ja, dass es nicht funktioniert. Auch wenn es heute noch viel betrieben wird. Und man da auch immer wieder reinfallen kann. Ein System, das extrem gestresst ist, neigt dazu, zu regredieren in ältere Zustände. Nur geht das auf Dauer nicht gut. Weil irgendwann endet es in einer Sackgasse. Und dann muss ein Sprung kommen. In diese Zukunft. Mit der Viktor Frankl durchs Konzentrationslager gegangen ist. Die Zukunft, mit der auch Anne Frank ihr Buch geschrieben hat. Auch wenn sie selber gestorben ist. Ihr Werk ist erhalten geblieben.
Diese Zukunft, die lade ich dich ein, zu suchen. Wenn du jemand bist, der die Frage nach Salutogenese stellt. Dann bist du jemand, der mit seiner Gesundheit zu tun hat. Jemand, der mit der Schulmedizin fertig ist. Der mit der Alternativmedizin fertig ist. Und der merkt, da muss noch mehr sein. Und da ist noch mehr. Da ist dein individueller Weg zu mehr Gesundheit, mehr Kohärenz, mehr Verbundenheit, mehr Liebe und mehr Sinn.
Das war mein Wort zum Freitag. Ich hoffe, dir hat dieser Text gefallen. Du kannst ihn gerne teilen und kommentieren. Du kannst auch bei uns im Shop vorbeischauen. Ich freue mich darüber, zu hören, was du dazu fühlst und denkst, was deine Erfahrungen mit dem Thema sind.