Louann Brizendines „Das männliche Gehirn“ ist ein sympathisches Buch über eine eigentlich ziemlich einfache Erkenntnis: Männer und Frauen unterscheiden sich nicht nur unterhalb der Gürtellinie.
Hormone prägen unseren Körper, unser Verhalten und eben auch unser Gehirn.
Brizendine führt durch das männliche Leben von der Kindheit bis ins Alter und beschreibt, wie Testosteron, Oxytocin und andere Hormone dabei mitmischen. Das Ganze ist bewusst zugespitzt und angenehm undogmatisch.
Besonders gut gefällt mir ihr Bild vom Testosteron als Zeus.
Der Chef im männlichen Hormon-Olymp. Zuständig für Sexualität, Konkurrenz, Tatendrang und den Wunsch, sich in der Welt irgendwie durchzusetzen.
Natürlich ist das keine biochemische Definition.
Aber man versteht sofort, was gemeint ist.
Männer eher vertikal, Frauen eher horizontal
Besonders interessant wird es bei der Verschaltung des Gehirns.
Eine große Connectome-Studie mit 949 jungen Menschen fand 2014 beim männlichen Gehirn im Durchschnitt stärkere Verbindungen innerhalb der jeweiligen Gehirnhälften, beim weiblichen Gehirn dagegen stärkere Verbindungen zwischen den beiden Gehirnhälften.[1]
Ich nenne das der Einfachheit halber:
Männer eher vertikal. Frauen eher horizontal.
Das ist ein Bild, kein anatomischer Fachbegriff. Und natürlich kann man daraus nicht ableiten, wie irgendein einzelner Mann oder irgendeine einzelne Frau denkt.
Aber der grundlegende Befund ist interessant.
Und das Thema ist keineswegs erledigt. 2024 untersuchte eine Stanford-Gruppe die funktionelle Organisation des Gehirns mit einem KI-Modell an drei unabhängigen Datensätzen. Die Forscher fanden reproduzierbare Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen, insbesondere in Netzwerken rund um Default Mode Network, Striatum und limbisches System.[2]
Das Buch ist also inzwischen älter.
Die Grundidee nicht.
Zeus ist allerdings komplizierter als gedacht
Auch beim Testosteron ist die Forschung inzwischen weiter.
Das einfache Bild „viel Testosteron = aggressiver Mann“ funktioniert so nicht.
In einer doppelblinden, placebokontrollierten Studie mit 103 Männern verstärkte Testosteron nicht einfach Aggression. Es verstärkte vielmehr die Reaktion auf Provokation und Konkurrenz.[3]
Das finde ich interessanter.
Testosteron macht aus einem Menschen nicht automatisch einen Höhlenmenschen. Es scheint eher bestimmte bereits vorhandene soziale Situationen und Verhaltensweisen stärker zu gewichten.
Zeus drückt also nicht einfach auf den Knopf AGGRESSIV.
Er mischt sich ein.
Und dann kommt das Kuschelhormon
Der schönste Kontrapunkt ist Oxytocin.
Oxytocin wird gerne als Kuschelhormon bezeichnet, weil es bei Bindung und sozialem Verhalten eine wichtige Rolle spielt.
Und hier wird es fast absurd.
2021 verabreichten Forscher Oxytocin als Nasenspray an forensisch-psychiatrische Patienten mit schwerer Psychopathie. Die Teilnehmer kamen aus fünf forensischen Hochsicherheitseinrichtungen.
Nicht gerade eine harmlose Versuchsgruppe.
Nach einer einzigen Gabe war in dem Experiment der zuvor beobachtete Zusammenhang zwischen Psychopathie und reaktivem Dominanzverhalten unter Oxytocin nicht mehr zu beobachten.[4]
In einer anderen randomisierten Studie mit Jugendlichen mit stark ausgeprägten gefühllos-unemotionalen Eigenschaften erhöhte Oxytocin die gemessene Empathie.[5]
Ich finde das bemerkenswert.
Wir reden gerne über Charakter, Persönlichkeit, Moral und freien Willen.
Und dann sprüht jemand ein paar Moleküle in eine Nase und plötzlich verändert sich messbares Sozialverhalten.
Wir sind eben nicht nur Geist.
Wir sind auch Biologie.
Und jetzt natürlich: Pine Pollen
Und damit landen wir bei Pine Pollen.
Bereits 1971 veröffentlichten drei Wissenschaftler eine kleine Arbeit mit dem schönen Titel:
Testosterone, epitestosterone and androstenedione in the pollen of Scotch pine.
Sie fanden im Pollen der Waldkiefer Pinus sylvestris tatsächlich:
Testosteron.
Epitestosteron.
Androstendion.[6]
Das ist keine Pine-Pollen-Werbung aus dem Internet.
Die Arbeit existiert.
Wichtig ist allerdings: Untersucht wurde Pinus sylvestris. Und der Nachweis eines Hormons in einer Pflanze bedeutet selbstverständlich noch nicht, dass der Verzehr dieser Pflanze den Testosteronspiegel eines Menschen erhöht.
Das wissen wir schlicht nicht. Wer tiefer in genau diese Frage einsteigen möchte, findet hier den Artikel „Enthält Pine Pollen wirklich Testosteron?“.
Aber uninteressant ist es nun wirklich nicht.
Wenn Hormone tatsächlich so tief in Gehirn, Sexualität, Motivation und Sozialverhalten hineinreichen – und wenn Kiefernpollen ausgerechnet Moleküle enthalten, die wir aus unserem eigenen Steroidhormonsystem kennen –, dann finde ich es ziemlich naheliegend, sich diese Pflanze genauer anzuschauen.
Deshalb halte ich Pine Pollen für eine gute Idee.
Nicht als Testosteronspritze aus dem Wald.
Nicht als Wunderwaffe.
Sondern als ungewöhnliches pflanzliches Lebensmittel, bei dem sich moderne Biochemie, jahrtausendealte Verwendung und eine ganze Menge noch unbeantworteter Fragen treffen.
Und genau da wird es interessant.
Weiterlesen: Warum pflanzliches Testosteron?
Quellen und Studien
Buch
Louann Brizendine: Das männliche Gehirn. Warum Männer anders sind als Frauen. Hoffmann und Campe, Hamburg 2010.
[1] Gehirnverschaltung
Ingalhalikar M. et al.: Sex differences in the structural connectome of the human brain. Proceedings of the National Academy of Sciences, 2014;111(2):823–828. DOI: 10.1073/pnas.1316909110. PubMed
[2] Funktionelle Unterschiede, 2024
Ryali S. et al.: Deep learning models reveal replicable, generalizable, and behaviorally relevant sex differences in human functional brain organization. PNAS, 2024;121(9):e2310012121. DOI: 10.1073/pnas.2310012121. PubMed
[3] Testosteron und Provokation
Wagels L. et al.: Exogenous Testosterone Enhances the Reactivity to Social Provocation in Males. Frontiers in Behavioral Neuroscience, 2018;12:37. DOI: 10.3389/fnbeh.2018.00037. PubMed
[4] Oxytocin bei schwerer Psychopathie
Rijnders R.J.P. et al.: Sniffing submissiveness? Oxytocin administration in severe psychopathy. Psychoneuroendocrinology, 2021;131:105330. DOI: 10.1016/j.psyneuen.2021.105330. DOI
[5] Oxytocin und Empathie
Fragkaki I., Cima M.: The effect of oxytocin administration on empathy and emotion recognition in residential youth: A randomized, within-subjects trial. Hormones and Behavior, 2019;114:104561. DOI: 10.1016/j.yhbeh.2019.104561. PubMed
[6] Steroidhormone in Kiefernpollen
Šaden-Krehula M., Tajić M., Kolbah D.: Testosterone, epitestosterone and androstenedione in the pollen of Scotch pine P. silvestris L. Experientia, 1971;27(1):108–109. DOI: 10.1007/BF02137770. PubMed
