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Das Immunsystem natürlich stärken VI – Mit Spieltrieb zum "High Performance Circle"

April 25, 2020 Curro Cachinero RSS Feed

Adaptonics

 Wenn man sich die Mühe macht und ein Pentachoron bastelt, wird man erstaunt feststellen, dass es dafür zwei unterschiedliche, spiegelsymmetrische Möglichkeiten gibt. Wenn man ein wenig darüber nachdenkt, dann begegnet einem dieses Phänomen bereits beim Betrachten eines einfachen Würfels. Alles in der räumlichen Welt der Körper kann symmetrisch gespiegelt werden. Das gilt nicht nur für unsere Hände und Füße, unsere Ohren und unsere Augen sondern auch für einzelne Moleküle, die in der Tat oft als „linksdrehend“ und „rechtsdrehend“ sowie in zahlreichen weiteren Varianten, als sogenannte „Isotope“ vorliegen. Es scheint also möglich zu sein, aus ein und demselben Gen oder „Grundbauplan“ eine ganze Reihe verschiedener Ausdrucksformen hervorzubringen.

 Der erste, dem dies auf der Ebene der Moleküle aufgefallen ist, war übrigens Louis Pasteur, dem Begründer der Stereochemie sowie dem Entwickler der ersten Impfstoffe. Doch bevor wir uns weiter damit beschäftigen, fragen wir uns zunächst, was ein Pentachoron ist. Ich glaube nämlich, dass es uns als eine Metapher für lebendige Prozesse in der Praxis tatsächlich weiterhelfen kann. Das Wort „Pentachoron“ setzt sich zusammen aus dem Griechischen „Penta“ oder „Fünf“ und „Choron“, abgeleitet von „Choros“ was so viel bedeuten kann wie „mehrstimmiger Gesang“ oder „tanzende Schar“. Auch der Altarraum einer Kirche wird traditionellerweise als Chor bezeichnet, weil hier ein „Höheres“ verortet wird.

Pentachoron

 Was aber ist dieses „Höhere“? Und was könnte es mit Geometrie zu tun haben? Wenn wir uns eine vierte, räumliche Dimension vorstellen wollen, werden wir damit nicht sehr weit kommen. Unser Vorstellen kann sich gut „Dinge“ vorstellen, vielleicht sogar „Prozesse“. Woraus aber werden die einzelnen konkreten Vorstellungen hervorgezaubert? – Die vierte Dimension – oft irreführend und verkürzt als „Zeit“ bezeichnet –, so meine ich, ist dasjenige, was den in Erscheinung tretenden Dingen ursächlich zu Grunde liegen könnte. Es ist eine Ebene von lebendigem Potenzial, die auf die eine oder andere Weise im Raum entfaltet werden kann. Ein Kraftfeld ist prinzipiell nicht messbar, was gemessen werden kann, ist die Materie, die mit dem Kraftfeld in Wechselwirkung tritt.

 Da ist ein Möglichkeitsfeld und da sind konkret realisierte Möglichkeiten. Es gibt Dinge und Prozesse, die sich wie eine „tanzende Schar“ verhalten, also in lebendiger Ordnung und es gibt Dinge und Prozesse, welche aus der lebendigen Ordnung herausfallen und sich vereinzeln. Was zu lebendiger Ordnung, zu Kohärenz und Zusammenhang hin strebt, das bewegt sich in Richtung „Ana“ – aufbauend – und was von lebendiger Ordnung wegstrebt, das bewegt sich in Richtung „Kata“ – abbauend. Das rein Physische Universum strebt zum Zerfall, Entropie. Das Lebendige im Universum hebt den Zerfall lokal vorübergehend auf, Negentropie. Übertragen wir das auf die Frage nach der „erwarteten Selbstwirksamkeit“, welche uns heute beschäftigen soll.

 In den Zeiten von Chorona beschäftige ich mich lieber mit dem Pentachoron. Warum? Weil es sich in meiner Einflusssphäre befindet. Ob es sich bei dieser "Pandemie" nun um eine Hysterie handelt, wie manche denken und sich damit letztlich um eine von Menschen verursachte "Kata"(!)-Strophe, oder nicht, ich kann daran nicht viel ändern. Solange wir es nicht mit Sicherheit wissen, kann ich mich so verhalten, wie es mir von vernünftig denkenden Menschen nachvollziehbar Nahe gelegt wird, unnötige Kontakte meiden und in der Öffentlichkeit eine Maske tragen. Darüber hinaus kann ich ein prophylaktisches, natürliches Stärkungsmittel für das Immunsystem herstellen –  mein aktuelles Projekt – und meine Gesundheit aktiv trainieren. Ein Aspekt, der mich besonders fasziniert, ist der Zusammenhang von Immunsystem, Gehirn und Psyche. Vielleicht wird aus dem Ganzen am Ende doch noch eine private oder gerne auch kollektive "Ana"strophe. – Ohne Tod, keine Auferstehung

 In diesem Zusammenhang habe ich mich bereits mit „Erlerntem Optimismus“ sowie mit einer autopoietischen Stärkung – Münchhausen-Prinzip – des „Selbstwertgefühls“ beschäftigt. Das Konzept der „Erwarteten Selbstwirksamkeit“ ist die nächste Etappe auf dieser Reise zu den Quellen des Gesundens, auch bekannt als die Wissenschaft und die Kunst der Salutogenese.

 

Albert Bandura

 

 Erfinder des Konzeptes der „Erwarteten Selbstwirksamkeit“ ist der Psychologe Albert Bandura. Selbstwirksamkeit ist die oft wiederholte Erfahrung, durch eigene Kompetenz etwas bewirken zu können. Menschen mit einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung, also einem positiven Selbstbild, sind offenbar gesünder als Menschen, die sich als Opfer fühlen. Beide Mindsets gehen einher mit unterschiedlichen biochemischen Vorgängen im menschlichen Körper. Doch bevor wir darauf näher eingehen, zunächst die vier Bereiche, durch welche die erwartete Selbstwirksamkeit oder Selbstunwirksamkeit beeinflusst wird:

 1. Die Erfahrung, eine schwierige Situation durch eigene Fähigkeiten erfolgreich bewältigen zu können – „Experience of Mastery“. 2. „Vicarious Experience“ oder stellvertretende Erfahrung. 3. Gutes Zurreden, Ermutigen oder „Verbal Persuasion“. 4. „Emotionl Arousal“ oder die Fähigkeit, das somatische Geschehen im eigenen Leib erfolgreich und zielgerichtet regulieren zu können.

 Jeder kennt das Phänomen, dass er durch Erfolg motiviert und durch Misserfolg demotiviert wird (1). Außerdem – wie schon der Volksmund weiß – „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ (2). Kinder von Alkoholikern werden häufiger selbst Alkoholiker wie Kinder von Nicht-Alkoholikern. Aber auch: Wer –  ihm möglichst nahe stehende –  glückliche und erfolgreiche Vorbilder hat, der hat steigende Chancen, selbst glücklich und erfolgreich zu sein. Eine Gesprächstherapie sowie enge Kommunikation mit guten Freunden (3) können motivieren, ebenso ist aktives Salutgenese-Training hilfreich, wenn es dazu beiträgt, dass dadurch unnötiger, toxisch wirkender Stress abgebaut wird (4).

 Beides ist möglich, beides ist lernbar oder verlernbar, eine hohe, ebenso wie eine niedrige Selbstwirksamkeitserwartung. Außerdem ist zu unterscheiden zwischen einer generalisierten und einer Breichsspezifsichen Selbstwirksamkeit. Ein Mensch könnte beispielsweise äußerst selbstwirksam sein, wenn es darum geht, Geld zu verdienen und zugleich (noch) vollkommen selbstunwirksam, wenn es darum geht, eine glückliche Liebesbeziehung zu führen. (Anwesende ausgeschlossen).

 In ihren Extremvarianten können wir zwei unterschiedliche Dynamiken beobachten. Auf der einen Seite haben wir die – kata – abwärtsgerichtete Spirale des Burnouts. Auf der anderen Seite haben wir die – ana – aufwärtsgerichtete Spirale der Exzellenz, welche auch als „High Performance Circle“ bezeichnet wird. – Ich weiß nicht, wie viele Menschen sich im Bezug auf ihre erwartete Selbstwirksamkeit im „Mittelfeld“ befinden. Meiner Ansicht nach spricht Vieles dafür, dass wir uns hier nicht in Mediokristan sondern in Extremistan bewegen. Ich sehe relativ viele Durchschnittneurotiker und relativ wenige aber dafür umso beeindruckendere Selbstaktualisierer.

 Um den Unterschied zwischen Burnout-Spirale und „High Performance Circle“ besser zu verstehen, erscheint mir der Begriff der Selbstregulation von zentraler Bedeutung. Burnout als das Ergebnis von Selbstunwirksamkeit beruht – vollkommen unmoralisch ausgedrückt – auf einem schlichten Versagen der Selbstregulationsfähigkeit. Wie ist das gemeint? –  

Wie bereits erwähnt, hat sich der diffuse Begriff der „Lebenskraft“ früherer Jahrhunderte im letzten Jahrhundert über die Begriffe „Inneres Milieu“ (Claude Bernard), „Homöostase“ (Walter Cannon und Norbert Wiener) als „Allostase“ (Robert Sapolsky) in die moderne Naturwissenschaft hinein fortgepfanzt.

 Allostase meint die Fähigkeit eines Organismus, sich an Stress – auch bekannt als "Leben" oder „Der ganz normale Wahnsinn“ – anzupassen. Während das Konzept der Homöostase noch vom Erhalt eines in sich stabilen Fließgleichgewichtes ausging, beruht Allostase auf Lernen und Wachsen oder Adaptation – "Adaptonics" – an die sich ständig wandelnden Verhältnisse und Anforderungen der Umwelt. Gelingt diese Anpassung, so sprechen wir von einer vorübergehenden oder Typ-1-Stressreaktion. Eine auftretende Bedrohung oder Störung des als friedlich und angenehem erlebten Daseins wird durch das vorübergehende Einsparen von Energie und das zeitgleiche Mobilisieren von Reserven enegisch aus dem Weg geräumt.

 Wenn diese Reaktion, die auch als Kampf-oder-Flucht-Reaktion bekannt ist, funktioniert, kehrt der Organismus wieder zu seinem entspannten Zustand zurück. Der Feind wurde getötet, das Raubtier ist außer Reichweite, die Gefahr ist gebannt. Wiederholt sich dieser Kreislauf von Herausforderung, Energiemobilisierung, Meisterung der Gefahr oder Bedrohung, so wächst in dem Organismus die Zuversicht und das Selbstvertrauen, immer größere Herausforderungen in Angriff nehmen und immer schwierigere Probleme lösen zu können. Scheitert der Versuch ausnahmsweise ein mal, die Herausforderung zu bewältigen, und überlebt der Organismus, kann dies im Optimalfall immer noch dazu führen, dass eine Neubewertung der eigenen Fähigkeiten eintritt und das Niveau der Herausforderung enrsprechend angepasst wird, wie in jedem sinnvollen Training. Die Selbstwirksamkeitserwartung steigt.

 Wenn allerdings die "Allostatische Last" zu groß wird, das bedeutet, die Herausforderung ist dauerhaft zu groß für die Bewältigungsmöglichkeiten mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Ressourcen, so reagiert der Organismus mit der gesundheitlich fatalen Typ-2-Reaktion oder Resignation. Wenn er in einer bedrohlichen Situation nichts mehr ausrichten kann, schaltet der Organismus auf Überleben. Statt Adrenalin aus dem Nebennierenmark wird nun verstärkt Cortisol aus der Nebennierenrinde ausgeschüttet. Der Organismus verpanzert sich in einer Art Schockstarre und überflutet sein System mit endogenen –  also selbst hergestellten – Opiaten und Kannabioiden, von welchen er schließlich auch noch selbstabhängig wird. Was damit auch die sehr weit verbreitete Fähigkeit zur perfektionierten Selbstsabotage erklärt. –  Schließlich braucht der Körper wieder sein "Stöffchen".

 Eine Maus, die von einer Katze in die Ecke gedrängt wurde – und die sich nun auf extreme Schmerzen und ein möglicherweise qualvolles Sterben einstellt – hat relativ viel davon, wenn sie viele Opiate, also Schmerzmittel in ihre Blutbahn entlässt. Ein kleines Kind, welches einem emotional oder körperlich gewalttätigen Erwachsenen hilflos und ohne Fluchtmöglichkeit ausgeliefert ist, oder sträflich vernachlässigt und alleingelassen wird, profitiert vorübergehend ebenfalls davon, wenn es gar nicht mehr spürt, wie schlecht es ihm geht. Langfristig leidet das Kind natürlich, weil der Organismus, ein mal an den „worst case“ gewöhnt, von sich aus –  also ohne Anreiz oder aktives Training –  nicht wieder in die ursprüngliche Lebendigkeit zurückfindet

 Selbstunwirksamkeit beruht also auf dem Erlebnis, nichts ausrichten zu können, mit fatalen gesundheitlichen Folgen, wenn dieser Zustand „the new normal“ wird. Selbstwirksamkeit dagegen, im Sinne von "Kybern-Ethik" und "Neugierologie" (Heinz von Förster), beruht dann auf der Fähigkeit:

1. Den eigenen Zustand, das "Real-Ich", ohne Selbsttäuschung wahrzunehmen im Sinne radikaler Selbstakzeptanz (IST-WERT/Selbstbeobachtung).

2.  Die Anforderungen und Erwartungen oder das "Ideal-Ich" (SOLL-WERT/Selbstbewertung), so zu definieren, dass Erfolg überhaupt möglich ist. 

3. Herausforderungen und Aufgaben im Sinne von Training, so festzulegen (REGLER/Selbstreaktion), dass dabei Momentum entsteht und Spielfreude, "Ohne-Ich",  Wirklichkeit wird.

 Regelkreis

 

Darstellung eines einfachen Standardregelkreises, bestehend aus der Regelstrecke (Training), dem Regler (Trainer) und einer negativen Rückkopplung der Regelgröße y (realer Zustand). Die Regelgröße y wird mit der Führungsgröße w (erwünschter Zustand) verglichen. Die Regeldifferenz (Selbstbewertung) e = w – y wird dem Regler zugeführt, der daraus entsprechend der gewünschten Dynamik des Regelkreises eine Stellgröße u (Trainingsaufwand) bildet. Die Störgröße d (Leben) wirkt meistens auf den Ausgang der Regelstrecke, sie kann aber auch auf verschiedene Teile der Regelstrecke Einfluss nehmen.  

 

 Die perfekte Anleitung für einen gründlichen Burnout oder „Höllentrip“ sieht folgendermaßen aus: Man verleugnet und vermeidet alle verdrängten Ängste, Wunden und schmerzhaften Erinnerungen, welche das „Real-Ich“ ausmachen – verzerrter Ist-Wert oder Messungenauigkeit – , man konstruiert sich ein vollkommen unrealistisches „Ideal-Ich“ und wundert sich, warum man die ganze Zeit scheitert und sich damit laufend demotiviert – verzerrter Sollwert oder Selbstvergewaltigung  und schließlich, wenn das Leiden unerträglich geworden ist, wirft man „Die Flinte ins Korn“ und gibt auf Zusammenbruch des Reglers und damit des gesamten Kreislaufs potenzieller Selbstregulation. 

 Die Anleitung zu einen „High Performance Circle“ sieht dagegen folgendermaßen aus: Man akzeptiert, was ist. Man konfrontiert sich mit all seinen Ängsten, Scham-, und Schuldgefühlen, Schmerzen und Wunden. Man blickt der Realität des eigenen Schattens ungeschminkt ins Auge und hört endlich damit auf, Andere dafür verantwortlich zu machen im Sinne von Selbst-Akzeptanz (A). Man schraubt die Anfoderungen und Erwartungen, die man an sich selbst hat, auf ein realistisches aber dafür erreichbares Maß herrunter, wodurch mit jedem kleinen Schritt des Gelingens die Lebensfreude wächst im Sinne von Commitment (C). Man adaptiert sich an die gegebenen Umweltbedingungen, in denen man lebt und reguliert sowohl die eigene Haltung als auch das eigene Verhalten den bisher als Dilemma erlebten Herausforderungen gegenüber auf eine Weise, dass aus einer „Sackgasse der Resignation“ eine optimal herausfordernde, meine Lebendigkeit provozierende Challange wird im Sinne von Do-it-Yourself-Therapie (T).

 Bodhnath

 "Buddhas Auge" auf der Stupa von Bodhnath in Kathmandu, Nepal. Hinter dem Bereich zwischen den Augenbrauen befindet sich der Orbitopräfrontalkortex. Dieser Bereich des Gehirns ist zentral daran beteiligt, wenn es darum geht, aus intrinsischer Motivation heraus, also selbstbestimmt zu lernen. Dieses Gehirnareal hilft uns dabei, ein angemessenes Feedback über das Gelingen oder Misslingen unserer Unternehmungen zu bekommen. Funktioniert es gut, können wir das Leben effektiv als eine optimale Challenge im Sinne von "Spieltrieb" begreifen. 



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